Zur historischen Hexenverfolgung wissen wir oft nur wenig oder das, was wir wissen, beruht auf vielen Mißverständnissen. Daher will ich diese Informationen zur historischen Hexenverfolgung anhand der häufig auftretenden Missverständnisse darstellen:

1. Mißverständnis: Es wurden nur Frauen wegen Hexerei angeklagt – Stimmt nicht!
Es wurden nicht ausschließlich, sondern überwiegend Frauen verbrannt. Etwa zehn Prozent waren Männer, hinzu kommt eine größere Anzahl von Männern, die unter der Anklage von Ketzerei standen und ähnliche Strafen erlitten. Diese Männer waren meistens Christen, die religiösen Erneuerungsbewegungen anhingen. Sie forderten z.B. die Armut der Kirche und eine gerechtere Verteilung des kirchlichen Reichtums. Mit dieser Kritik an der Kirche waren sie den Kirchenoberen ein Dorn im Auge.

2. Mißverständnis: Alle als Hexen angeklagten Frauen und Männer verehrten die alten Götter des Landes und waren keine Christen oder Christinnen. – Stimmt nicht!
Der überwiegende Teil aller Verurteilten hatte wahrscheinlich nichts mit dem zu tun, was wir heute Hexenkult nennen. Diese Menschen fiel einfachen Verleumdungsaktionen zum Opfer. Der Hexenwahn war so verbreitet, daß es jede Frau und jeden Mann treffen konnte, der aus anderen Gründen unbequem oder jemandem im Wege war. Viele reiche, alleinstehende Frauen stehen auf den Opferlisten. Das Vermögen fiel der Kirche zu. Man brauchte nur jemanden als Hexe oder Hexer zu bezeichnen, schon nahm das Unheil seinen Lauf. Die Motive konnten ganz einfacher Neid, Mißgunst oder Geschäftsinteressen sein. Das kann z.B. die Witwe getroffen haben, die den Handwerkerbetrieb ihres Mannes alleine weiter führen wollte und nicht den Gesellen als Meister beförderte. Friedrich von der Spee hatte als Jesuitenpater vielen Frauen vor der Verurteilung die Beichte abgenommen. Viele Frauen waren Christinnen, verlangten nach einer christlichen Beichte und schämten sich der Lügen, die sie unter dem Einfluß der Folter erzählt hatten, damit die Folterknechte endlich von ihnen abließen. Diese Erfahrungen haben dazu geführt, daß Friedrich von der Spee zu den wenigen Kirchenmännern gehörte, die begriffen, daß dieser Hexenverfolgungswahn nur Unheil stiftet und falsch ist. Diese Ansicht legte er unter dem Schutz der Anonymität in dem Werk Cautio Criminalis ( Die Ursache des Verbrechens) 1631 nieder. Er hat in dieser Zeit ein ergreifendes Trauerlied geschrieben (Es beginnt so: „In stiller Nacht, zur ersten Wacht, ein Stimm begunnt zu klagen...“, 1649), das sich ideal eignet, z.B. an Halloween zum Gedenken der Ahninnen gesungen zu werden.

3. Mißverständnis: Alle als Hexe angeklagten Frauen waren weise und heilkundige Frauen - Stimmt nur teilweise. Ein eher geringer Teil der verurteilten Frauen waren tatsächlich Hebammen und Kräuterheilkundige. Sie sollen nicht nur Wissen zur Geburtshilfe, sondern auch zu natürlichen Verhütungsmitteln gehabt haben. Das war der Kirche ein Dorn im Auge, die viel christlichen Nachwuchs sehen wollte und Sexualität nur zum Kinderkriegen duldete.
Außerdem versuchten die heilkräftigen Frauen, den schwangeren Frauen eine möglichst schmerzfreie Geburt zu verschaffen. Das stand aber im Widerspruch zur kirchlichen Lehre, daß die Frau als Strafe für die Erbsünde unter Schmerzen ihre Kinder gebären müßte. In dieser Zeit entstanden die ersten Universitäten mit medizinischen Studiengängen. Die neuen sogenannten medizinischen Studiengänge dieser Zeit waren aber eher Ableger der theologischen Universitäten. Deswegen waren nur Männer zu diesen Studiengängen zugelassen. So wurde dort wesentlich weniger echtes medizinisches Wissen und mehr theologische Dogmen vermittelt. Die Erfolgsrate dieser Ärzte war entsprechend gering, was den anhaltenden Zustrom zu den wirklich heilkundigen Frauen im Volk erklärt. Das war den neuen Ärzten ein Dorn im Auge und so kam es teilweise zur Verfolgung der heilkundigen Frauen, die die medizinische Konkurrenz waren. Parallel dazu waren die Bevölkerungszahlen durch Kriege und Pestepidemien im Sinken. So sollten die Frauen angehalten sein, viele Kinder zu gebären, statt maßvoll zu gebären.

4. Mißverständnis: Hexenverfolgung fand überwiegend im Mittelalter statt. – Stimmt nur teilweise: Der Höhepunkt der Hexenverfolgung war wohl in Frankreich und Spanien im Mittelalter, in Deutschland lag der Gipfel der Verfolgung aber in der beginnenden Neuzeit. Das heißt, in der Zeit, in der alle Historiker sonst den Beginn eines neuen freien Menschenbildes abfeiern, fand diese grausame Verfolgung der Frauen und Männer unter dem Vorwurf der Hexerei statt. Die Kehrseite des neuen Menschenbildes, das den Verstand und die Erkenntnisfähigkeit des Menschen betonte, schien zu sein, daß alles Dunkle, Irrationale in Form der als Hexen angeklagten Menschen verfolgt werden mußte.

5. Mißverständnis: Hexenverfolgung fand nur in katholischen Gebieten statt. – Stimmt nicht! Das hängt mit Mißverständnis Nr. 4 zusammen: Die Reformation wird ja von vielen Historikern als Wende zur Neuzeit angesehen. Es gab aber noch nach der Reformation Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Deutschland, auch in evangelischen Gegenden, sogar bei den nach Amerika ausgewanderten Menschen. So wurde z.B. 1599 Elisabeth Strupp, eine Pfarrerswitwe und Schwiegertochter eines reformierten Pfarrers in Gelnhausen verurteilt und verbrannt.

6. Mißverständnis: Die als Hexen verurteilten Frauen haben sich selbst als Hexen bezeichnet und gefeiert. – Stimmt nicht! – Alle Frauen, die als Hexen angeklagt wurden, haben diese Aussage, eine Hexe zu sein, nur unter dem Einfluß der Folter abgegeben. Es war vorher nicht ihre Selbstbezeichnung oder ihr Selbstverständnis, eine Hexe zu sein. Hexe war ein Schimpfwort, mit dem die weisen Frauen belegt wurden, wenn ihre Hilfe nicht als hilfreich erlebt wurde. Das ist wohl der deutlichste Unterschied zur modernen Hexenbewegung. Heutige Wicca bezeichnen sich manchmal gerne und stolz als Hexen. Andere sagen, daß sie sich mit diesem Begriff noch heute nicht identifizieren können, weil es die Sprache der Folterknechte ist.

7. Mißverständnis: Als Hexen wurde nur eine kleine Randgruppe der Bevölkerung verfolgt. Stimmt sicher nicht. Wo die Akten erhalten blieben, kann das Ausmaß der Verfolgung hochgerechnet werden. Viele Akten wurden leider als historisch uninteressant vernichtet! Wir wissen nicht, ob es Zehntausende waren oder mehr als Millionen von Frauen und Männern waren, die gestorben sind in der Zeit von 1352 (Pabst Innozenz VI. läßt die Folter in Inquisitionsprozessen zu) bis ca. 1669 (Kurfürst Erzbischof Johann Philipp schafft in Mainz die Hexenprozesse ab). Aber es war sicher mehr als eine Randgruppe.

8. Mißverständnis aus neuerer Zeit: Die als Hexen verfolgten Frauen waren psychisch krank, ihre Erfahrungen, die sie berichten, sind ähnlich einzuordnen wie die Halluzinationen von schizophrenen Patienten. Sicherlich falsch! Die den Frauen unter der Folter nahegelegten Erlebnisse waren kein wahnhaftes Symptom, daß die Frauen vor der Folter oder unabhängig von der Folter wirklich erlebt hatten. Die meisten als Hexen verfolgten Frauen waren kerngesunde, völlig normale Frauen, die wegen lächerlicher Streits oder gewachsenem Neid und Mißgunst als Hexen bezichtigt und beseitigt wurden. Wesentlich interessanter scheint mir die Frage nach der psychischen Gesundheit der Inquisitoren und Folterknechte. Wer einmal den Mut hatte, in ein Foltermuseum zu gehen, (Mir wurde schon nur vom Erzählen schlecht!) ist erschüttert vom Ausmaß dieses Frauenhasses.
Zusammenfassend bleibt zu sagen: Wichtig ist es, sich klarzumachen, Hexenverfolgung hatte viele Ursachen, nicht nur eine. Dennoch war es ein Buch, daß diese Lawine ins Rollen brachte und viele Vorstellungen dieser Zeit zusammenfaßte anhand einer wirren Mischung von Zitaten von Kirchenfürsten, Bibelstellen und Kirchenlehrern. Das war das Buch „Der Hexenhammer“, verfaßt von zwei Dominikanermönchen, Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Es enthielt klare Regeln für Inquistionsprozesse und Folter. Der eine Autor war Inquisitor für das Rheinland, der andere für Oberdeutschland. Dieses Buch war zu Anfang durchaus auch innerhalb der Kirche angefeindet, da es die Wende von der Verfolgung männlicher Ketzer zur Verfolgung von Frauen als Hexen nahelegte. 1484 erhielt es dennoch die päpstliche Zustimmung. Für dieses Buch hat die Universität Köln damals sogar ein Gutachten verfaßt.

Weiterführende Literatur:
Interessant ist das Kapitel über Hexenverfolgung im Buch "Weise Wunde Menstruation" von Shuttle und Redgrove. Beide Autoren nähern sich dem Thema Hexenverfolgung vom Thema Menstruation aus. Einige Autoren und Autorinnen haben festgestellt, daß die patriarchalen Menstruationstabus und die patriarchalen Vorstellungen von Hexen sich sehr ähneln.
Weitere Klassiker zu dem Thema sind:
"Hexen, Hebammen und Krankenschwestern", ein kleines lohnendes Heftchen von Barbara Ehrenreich und Deidre English. (Frauenoffensive)
Sehr informativ fand ich vor allem das Buch von Erika Wisselinck " Hexen- warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was daran auch noch falsch ist". Es behandelt die häufigsten Vorurteile und Mißverständnisse zum Thema Hexenverfolgung, wie ich sie hier dargestellt habe. Für meinen Artikel habe ich vor allem aus diesem Buch Informationen herangezogen.